{"id":899,"date":"2020-12-09T12:04:44","date_gmt":"2020-12-09T11:04:44","guid":{"rendered":"http:\/\/www.hunde.com\/blog\/?p=899"},"modified":"2020-12-09T13:47:11","modified_gmt":"2020-12-09T12:47:11","slug":"streunerhunde","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.hunde.com\/blog\/2020\/12\/streunerhunde\/","title":{"rendered":"Streunerhunde"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"https:\/\/www.hunde.com\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/cover_streunerhunde_DSC_6755.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-medium wp-image-916\" src=\"https:\/\/www.hunde.com\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/cover_streunerhunde_DSC_6755-210x300.jpg\" alt=\"cover_streunerhunde_DSC_6755\" width=\"210\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/www.hunde.com\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/cover_streunerhunde_DSC_6755-210x300.jpg 210w, https:\/\/www.hunde.com\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/cover_streunerhunde_DSC_6755.jpg 562w\" sizes=\"auto, (max-width: 210px) 100vw, 210px\" \/><\/a><b>Von Moskaus U-Bahn-Hunden bis Indiens Underdogs<\/b><\/p>\n<p>Eine Rezension von Gudrun Beck, Z\u00fcchterin der <a title=\"www.fox-lions.de\" href=\"http:\/\/www.fox-lions.de\"><cite>Fox Lions Collies<\/cite><\/a><\/p>\n<p>H\u00e4tten Sie gedacht, dass ca. 85 % der Hunde dieser Welt ohne Herrchen oder Frauchen leben? Frei auf Stra\u00dfen und in der n\u00e4heren oder weiteren Umgebung von Menschen, angewiesen auf das, was Menschen an Fressbarem liegenlassen oder bewusst zu Verf\u00fcgung stellen? Seit tausenden von Jahren die wahrscheinlich nat\u00fcrlichste Form des Miteinander von Menschen und Hunden. Kate Kitchenham hat wissenschaftlich fundierte Beitr\u00e4ge aus aller Welt gesammelt und in diesem \u00fcberaus lesenswerten Buch ver\u00f6ffentlicht.<\/p>\n<p>Gerade in einer Zeit, in der es in Deutschland Mode ist,\u00a0 einen Hund aus dem Ausland zu &#8222;retten&#8220; und ihn bei uns in H\u00e4usern einzusperren und am G\u00e4ngelb\u00e4ndchen zu f\u00fchren, macht es Sinn, sich das Leben und die F\u00e4higkeiten von echten Streunern genauer anzusehen. Ohne die permantente menschliche Einschr\u00e4nkung zeigen freie Hunde erstaunlich viele typische Caniden-Verhaltensweisen. Es geht um\u00a0 unterschiedliche Arten der Nahrungssuche, die Organisation in Rudeln bis zur kollektiven Aufzucht von Nachwuchs in H\u00f6hlen und der oft verlustreichen Revierverteidigung in z. T. mehrj\u00e4hrigen Kriegen unter benachbarten Rudeln, wenn die Populationsdichte hoch ist. Es geht um zeitaufw\u00e4ndige Beobachtungen an und Experimente mit frei lebenden Hunden in ihrer Umwelt.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Dieses Buch ist eine hervorragende Grundlage f\u00fcr mehr Verst\u00e4ndnis zum Thema Hund. Es r\u00e4umt auf mit widerlegten Thesen z. B. zu Dominanz oder Blickkontakt. So wird der andressierte Blickkontakt als eher sinnlos von dem unterschieden, den der Hund als Frage an den Menschen zeigt. Wird die Frage nicht beantwortet und der Blickkontakt ignoriert, f\u00fchrt das zu eigenst\u00e4ndigen Entscheidungen auf der Seite des Hundes. Der Mensch darf sich nicht wundern, wenn er zunehmend mehr ignoriert wird.<\/p>\n<p>Die Autoren geben detailliert und n\u00fcchtern Einblick in die Streunerwelten verschiedener L\u00e4nder. Ohne zu Romantisieren wird mit dem Vorurteil aufger\u00e4umt, den &#8222;armen&#8220; Streunern m\u00fcsse auf jeden Fall ein sicheres Zuhause organisiert werden. Ehrenamtliche Tiersch\u00fctzer k\u00f6nnen zum Problem werden f\u00fcr die Streunergesellschaft. Die Autoren bedauern die zunehmende Ausrottung freier Hundepopulationen durch &#8222;zivilisierte&#8220; Gesellschaften. Diese werden uns eines Tages als Genpool fehlen, wenn unsere gez\u00fcchteten Hunde durchweg genetisch krank sind, weil die nat\u00fcrliche Selektion zu lange fehlte. Streunerhunde fehlen dann auch als kulturelles Element, denn sie werden von Menschen nicht nur als st\u00f6rend empfunden. So geh\u00f6rten die U-Bahn-Hunde Moskaus Jahrzehnte\u00a0 lang dazu und viele Pendler hatten selbstverst\u00e4ndlich eine kleine Spende f\u00fcr sie dabei. Die Streuner von Pompeji begeistern Touristen mit regelrechten Shows, die sie f\u00fcr sie abziehen. In allen Kulturen gibt es auch hundefreundliche Menschen!<\/p>\n<p>Auf Probleme durch Streuner und Dezimierungsprogramme wird eingegangen. Tollwut ist v. a. in Asien und Afrika noch\u00a0 ein ernstes Problem, \u00fcberall dort, wo der Lebensstandard gering und die Hundepopulation gro\u00df ist. Impfungen fehlen. Bei\u00dfunf\u00e4lle gibt es dagegen mehr in Kulturen wie der unsrigen, wo bei hohem Lebensstandard Hunden Kontakte zu anderen Hunden und Menschen oft kaum oder gar nicht erm\u00f6glicht werden.<\/p>\n<p>Die Erforschung der Streunerhunde gibt Aufschluss \u00fcber den Anfang der Domestikation und zeigt, was Hunde wirklich wollen und brauchen.<\/p>\n<p>Viele Beobachtungen sind auf den ersten Blick verbl\u00fcffend. So wird berichtet, dass \u00e4ltere Hunde j\u00fcngeren als Sexualpartner vorgezogen werden. Das gilt f\u00fcr beide Geschlechter. Vor dem Hintergrund der unter Beweis gestellten \u00dcberlebenskunst ein evolutionsbiologisch logisches Ph\u00e4nomen, erh\u00f6ht diese Pr\u00e4ferenz doch die Chance f\u00fcr den Nachwuchs, zu \u00fcberleben. Au\u00dferdem ergibt sich Dominanz aus dem Alter. Unterw\u00fcrfigkeit wird selten von oben eingefordert, sondern meist von unten angeboten, aus der Einsicht heraus, dass ein junger, unsicherer Hund vom alten, erfahrenen noch viel zu lernen hat.\u00a0 Aus vielen W\u00fcrfen \u00fcberlebt nur ein Welpe oder gar keiner bis zur eigenen Geschlechtsreife mit ca. sieben Monaten. Dabei \u00fcberleben die meisten Welpen immerhin die S\u00e4ugezeit, die insgesamt bis zu drei Monaten dauert, w\u00e4hrend der die Althunde gut aufpassen und die Kleinen sich noch nicht allzuweit von der sch\u00fctzenden H\u00f6hle weg wagen. Berichtet wird von einer Omah\u00fcndin, die die Mutterh\u00fcndin erfolgreich ersetzte, die am Tag nach der Geburt \u00fcberfahren wurde. Fremds\u00e4ugen oder &#8222;Milchdiebstahl&#8220; bezeichnet das Absaugen von Milch durch Welpen des gleichen Rudels, die aber eine andere Mutter haben. Berichtet wird von monogam lebenden V\u00e4tern, die sich mit um die Aufzucht ihrer Welpen k\u00fcmmern, aber auch von Single-R\u00fcden, die nichts anderes im Kopf haben, als die n\u00e4chste l\u00e4ufige H\u00fcndin zu decken.<\/p>\n<p>Streunerhunde sind nicht zwangsl\u00e4ufig untergewichtig oder durch Mangelern\u00e4hrung schwach und krank. Der italienische Forscher Roberto Bonanni, dem wir eine sehr ausf\u00fchrliches Kapitel \u00fcber das Leben von Streunern verdanken, kommt sogar zu der Aussage:<\/p>\n<p>&#8222;Hundefutter, das aus prim\u00e4r f\u00fcr Menschen gedachter Fleischproduktion hergestellt wird, hat deshalb nicht nur wenig mit den Ern\u00e4hrungsbed\u00fcrfnissen unserer Hunde gemein, es ist auch in Anbetracht des Klimawandels \u00f6kologisch h\u00f6chst bedenklich&#8220; (S. 95).<\/p>\n<p>Die Freiheit, jederzeit gehen zu d\u00fcrfen, macht entspannte, meist friedliche Hunde aus ihnen, deren h\u00e4ufigste Besch\u00e4ftigung so gar nicht nach &#8222;k\u00f6rperlicher Auslastung&#8220; aussieht: Das Beobachten.<\/p>\n<p>Stefan Kirchhoff, dem wir das letzte Kapitel verdanken, in dem es um importierte Auslandshunde und die darunter befindlichen\u00a0 Streuner geht, kommt zu dem Schluss:<\/p>\n<p>&#8222;Sie durften vom s\u00fc\u00dfen Nektar der Freiheit kosten und werden diesen Geschmack nicht vergessen. Das macht sie zu ganz besonderen Hunden und f\u00fcr uns extrem schwer, sie in unserer Obhut zufriedenzustellen&#8220; (S. 265).<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Kate Kitchenham (Hrsg.)<br \/>\n2020, Franckh- Kosmos Verlags-GmbH &amp; Co. KG,<br \/>\nStuttgart, 2020<br \/>\n272 Seiten Text, 117 Farbfotos von Stefan Kirchhoff, Hardcover<br \/>\nISBN 978-3-440-16003-9<br \/>\n36,00 \u20ac (D)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Moskaus U-Bahn-Hunden bis Indiens Underdogs Eine Rezension von Gudrun Beck, Z\u00fcchterin der Fox Lions Collies H\u00e4tten Sie gedacht, dass ca. 85 % der Hunde dieser Welt ohne Herrchen oder Frauchen leben? 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